26.09.2022, News

Zu Besuch in der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums

Die Schüler der 3. Klasse tauchten bei ihrem Besuch des Kunsthistorischen Museum in die Welt des Altertums ein: in die ägyptisch-orientalische und in die griechisch-römische Sammlung. – Eine völlig andere Erfahrung als die, welche sich den Besuchern der Gemäldegalerie im Obergeschoß bietet.
Magnetisch wirkte sich gleich zu Anfang die lebendige und liebevoll-reichhaltige Präsentationsweise des 19. Jh. der Säle der ägyptisch-orientalischen Sammlung aus, deren Wandkästen mit zahlreichen buntbemalten Sarkophagen, Totenmasken, Mumien und Kanopen-Krüge für die Eingeweide der Toten, Figurinen, usw. gefüllt sind und deren Wände und Decken in reicher Farbenpracht historischen Vorbildern nachempfunden bemalt sind. Sogar echte ägyptische Granitsäulen tragen die Decke. All dies zog sofort die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich und ließ Fragen über Fragen aus ihnen hervorsprudeln. Ebenso liebevoll gestaltet und authentischen Vorbildern nachempfunden sind die im weiteren Verlauf des Rundganges befindlichen Säle der griechisch-römischen Sammlung, die wiederum eine ganz andere Raum-Atmosphäre erschaffen und vermitteln und mit ihren Ausstellungsobjekten abermals Fragen und Erinnerungen an bereits im Unterricht Besprochenem wachriefen...

Zunächst ging es in eine Welt, die ganz aus Sprache besteht, eine Welt in der Bild und Schrift eine Einheit bilden und nahtlos ineinander übergehen und wo Analyse und Synthese sozusagen die wichtigsten „Grundrechnungsarten“ einer Mathematik der Ästhetik bilden. Eine denkerische Disziplin in die auch wir uns, auf unsere Weise, uns einzuüben bemühen.
Die Figuren an den ägyptischen Grabwänden – die hier an den Wänden der ägyptischen Sammlung des Kunsthistorischen Museums durch die Hände von Künstlern des 19. Jh. als Reproduktion nachempfunden wurden – sind keine Abbildung der physischen Wirklichkeit, wie wir sie mit unseren Augen zu sehen vermögen und aus der europäischen Kunst der Neuzeit gewohnt sind, sondern Abbildung der abstrakten Wirklichkeit von Beziehungen. Wer größer dargestellt ist besitzt mehr Macht bzw. steht im Fokus der Handlung, dies wird heute als „Bedeutungsperspektive bezeichnet, die kleinen Figuren dienen der großen Figur; sind rational und funktionell „geschlichtet“, auf Standlinien stehend, aufgeteilt in Registern, ähnlich den Zeilen in einem Schulheft auf denen sich Wort an Wort, Buchstabe an Buchstabe reiht. Jede Standlinie bedeutet eine Ebene in Richtung Vordergrund oder Hintergrund; die Darstellungsweise der Perspektive war damals noch nicht erfunden worden.
Die Kunst, die die Schülerinnen und Schüler hier zu sehen bekamen ist dabei nicht um ihrer selbst willen geschaffene, der Kontemplation der Schönheit dienende Kunst, wie in unserem heutigen „modernen“ Sinne, sondern dient einem anderen, sehr praktischen ja quasi utilitaristischen Zweck. Sie ist Werkzeug und Mittel zum Zweck, der darin besteht, dem Geistigen eine physische Wohnung zu bieten, - im wortwörtlichen Sinne. Ihre Aufgabe ist es, da zu sein und in der diesseitigen physischen Welt seelische Wirklichkeit in der jenseitigen metaphysischen Welt zu erschaffen, in magischer Weise Gegenstände, Landschaften, Tiere und Speisen zu generieren und dem Verstorbenen im Jenseits angedeihen zu lassen. Ähnlich wie heutige Vertreter des „Transhumanismus“, die den menschlichen Geist in menschengemachte Virtuelle Meta-Welten transferieren wollen, wollten die Ägypter sich nach eigenem Belieben eine immaterielle Kunstwelt erschaffen und darüber im Diesseits wie im Jenseits mittels der Magie gebieten; ein – so wie auch heute – vermessenes und vergebliches Unterfangen. Selbst dem Verstorbenen sollte durch Erschaffung einer Abbildung ein zweiter geistiger Körper bereitet werden. Ein diesseitig-jenseitiger Avatar. Gräber und Sarkophage, Mumien und Statuen sollten so zu „Häusern“ der Seele werden, zu Gemächern des sogenannten „Ka“, der körpergebundenen Seele. Für die Ewigkeit. Blick und Antlitz der Ka-Statuen sind daher in die Ferne des Jenseits gerichtet und deren Leiber in majestätische Ruhe gekleidet.
Die Darstellungen in den Fresken und Reliefs verdrehen sich als wollten sie von ihren jeweiligen Körperteilen nur die anschaulichste, die „beste Seite“ zeigen. – Die Ägypter dachten praktisch und insofern, trotz ihrer vielen abergläubischen Vorstellungen, auch überraschend rational: Vollständigkeit und bestmögliche Erkennbarkeit standen bei ihnen im Fokus, nicht die täuschend echte Mimesis von Perspektive, Licht und Raum wie in der späteren europäischen Kunst ab der Renaissance. – Wie Männchen aus einem Verkehrsschild und anonym wie ebendiese bewegen sich die Gestalten auf ihren Standlinien an den Wänden der Gräber und werden eins mit den sie umgebenden Schriftbändern. Nur der hinzugeschriebene Name identifiziert die Protagonisten, verleiht ihnen Identität. So soll die schöpferische Magie des Wortes wirken, die Macht der Sprache, eingesetzt um ins Dasein zu rufen. Ein schöpferischer Akt.

Dessen eingedenk schritten die Schüler an den beiden Sachmet-Sitzstatuen am Eingang zur Sammlung vorbei zu den im 19. Jh. reproduzierten Wandgemälden des Alten Reichs und durch die reichhaltige Sammlung. Einen besonderen Eindruck ägyptischer Architektur gab die originale aus Ägypten in das Kunsthistorische Museum transferierte Kapelle der Mastaba des Kaninisut mit ihren „Scheintüren“, den magischen Pforten zur jenseitigen Welt, wo in längst vergangener Zeit speziell hierfür beauftragte ägyptische Priester der Seele des Verstorbenen Opferspeisen als geistige Nahrung darzubringen bestellt waren.

In der griechischen Sammlung öffnete sich den Augen der Kinder eine andere Welt, die Welt des Diesseits in der der Mensch die physischen Augen zu akkuratem Studium und perfekter Mimesis des irdisch Immanenten geöffnet hat. Im Laufe dieses Erkenntnis-Prozesses erscheint die frühe griechische Plastik zunächst noch ungelenk und steif. Nicht unbewegt, in sich ruhend wie die ägyptische, die weich in ihren Formen doch im inneren gespannt das Ewige zu schauen vorgibt, sondern so, als ob der Leib sich noch nicht vollständig aus der rohen Form des rechteckigen Steinblocks herauszulösen vermocht habe. Fast als ob der Handwerker noch nicht mit dem Auge seines Geistes und der Tatkraft seiner Hände das in der Materie verborgene Bild vollständig freigelegt hätte, um es ähnlich wie Michelangelo dies in der Renaissance-Zeit formulierte auszudrücken. Allmählich, erst im Laufe der Geschichte, lernen die Künstler, Schritt für Schritt in ihren Fähigkeiten voranschreitend, im Fluss der Jahrzehnte und Jahrhunderte, Leben in den kalten Stein zu hauchen, geben ihm die scheinbare Gestalt des lebendigen, weichen und warmen Fleisches. Die Künstler lassen Adern und Muskeln durch die Haut durchschimmern und sich durch seidig transparente Schleier abzeichnen, versetzen den Körper in Bewegung, hauchen ihm mittels der Kontrapost-Stellung von Spielbein und Standbein eine lockere Haltung ein und lernen einen scheinbar zufälligen Augenblick einzufangen, der dennoch – konstruiert – Vollkommenheit erweckt. Lebendiges Diesseits in Stein. Auch die Gesichtszüge der Statuen wandeln sich. Elegantes Ebenmaß ersetzt die strenge archaische Form und schließlich ersetzt individuelles Portrait das idealisierte Ebenmaß. Die Seele durchformt den Stein. Vom kyprischen Heros und archaischen Köpfen zu den nackten Jünglingen und Götter-Antlitzen bis hin zum Portrait-Kopf des Aristoteles spannt sich der Bogen den die Schülerinnen und Schüler hier studieren können: ein anschauliches Bild des Erwachens und Entfaltens menschlicher Beobachtungsgabe und schöpferischer Kraft einer Kultur. Ein Prozess, der im übertragenen Sinne auch an die Entfaltung der inneliegenden Kräfte des Kindes im Laufe des Erwachsenwerdens erinnern mag, an dem neben ihren Eltern auch die Lehrer, als Künstler eines geistigen Handwerks, beitragen dürfen.

Rom gebar neue Realisten. Männer und Frauen der Tat. Pragmatiker. Ihre steinernen Antlitze zeigen harte Gesichter in denen auch Hässliches dargestellt ist und nicht verschwiegen wurde, sich die Wirklichkeit auf neue Art in Stein materialisierte und von dort auch heute noch zu uns blickt.
Von der Portraitbüste des ‚Republikaners‘ zu den Portraitköpfen der Kaiser, deren exakte Gesichtszüge auch heute noch deren individuelle Identität sichtbar und klar erkennbar machen, teilt sich der Charakter in den Zügen des Gesichtes uns mit. Die vergangenen Herren der Welt möchten quasi zu uns Heutigen in Zwiegespräch treten, so wie damals zu ihren Zeitgenossen.
Ihnen räumlich gegenüber im selben Raume aufgestellt blicken die Gesichter der ägyptischen Mumienportraits der Kaiserzeit auf uns. Nicht mehr als majestätisch entrückte verewiglichte Jenseitige Altägyptens dargestellt, wie wir sie in der ägyptischen Sammlung sahen, sondern als im flüchtigen Augenblicke des Diesseits quasi eingefrorene Diesseitige, wollen sie erscheinen und verbleiben; wie Antlitze auf Passphotos oder Portraits eines Straßenkünstlers blicken sie auf uns, aus dem längst vergangenen Augenblick ihres damaligen irdischen Seins schauend. Diese Darstellungen waren im Gegensatz zu jenen der Kaiser allerdings nicht primär für die Betrachtung durch Lebende gedacht, außer von den Angehörigen im Augenblick der Beisetzung. Ihr Zweck lag in der, mittels der Abbildung zu erwirkenden, Beständig-Machung des im Tode erloschenen immanent-irdischen Seins in der transzendent-jenseitigen Ewigkeit. Das Tafel-Format und die Maltechniken, zunächst die Enkaustik- dann auch die Eitempera-Technik, sollten einige Zeit später die Ikonenmalerei beeinflussen und dann allerdings von einem anderen Sein künden, dem Sein des neuen, geläuterten, erlösten Menschen in der Herrlichkeit Gottes, eingetaucht im alles umgebenden und durchdringenden Goldglanz des mit der Seele des erlösten Heiligen vereint innewohnenden Hl. Geistes.

Die in einem weiteren Saal des Museums ausgestellte griechische Keramik öffnete schließlich den Schülerinnen und Schülern einen Blick auf einen schwachen Abglanz der bis auf wenige Reste gänzlich (!) verloren gegangenen Malkunst der Antike, von der wir vielfach nur durch Mosaikkopien und durch literarische Zeugnissen Bescheid wissen. Antike Tafelbilder und Wandfresken wurden im Zuge des Zusammenbruchs der antiken Welt zerstört; ein Verlust der in der heutigen Zeit vielleicht mit der Zerstörung der Kunstschätze der großen Museen, wie etwa des Louvre oder des Kunsthistorischen Museums, verglichen werden könnte. Die erhaltene Keramik der Antike mit ihren kunstvollen Darstellungen lässt heute ein wenig das Können der damaligen Künstler erahnen. Auch hier spannte der Bogen der ausgestellten Kunstwerke die Zeit vom Erwachen der griechischen Kunst bis zu ihrem Höhepunkt, von der geometrischen und orientalischen Phase der griechischen Kunst bis hin zur Klassik. Die Kinder hatten hier die Gelegenheit das Aussehen antiker Keramik und der darauf gemalten Bildszenen und Dekorationen, die sie im vergangenen Schuljahr im Unterricht anhand ähnlicher Beispiele mittels Photos kennengelernt hatten, nun auch durch die Betrachtung der Original-Objekte „live“ zu studieren.

Die Reste der untergegangenen antiken Welten mahnen uns eindringlich, mit unserer eigenen heutigen Welt und ihrem kostbaren Erbe, der im Laufe der Jahrhunderte gewachsenen und tradierten europäischen Kultur, sehr sorgsam umzugehen. Im Angesicht der spärlichen Reste der antiken Zivilisation erkennen wir die grundsätzliche Fragilität und Verwundbarkeit menschlicher Kultur und Zivilisation an sich, also auch unserer heutigen, wir erkennen klar ihre Zartheit und Kostbarkeit und wir erkennen unsere große Verantwortung für sie. Nur wenn wir diese Verantwortung mündig annehmen und zu tragen gewillt sind, wenn wir auch künftig das anvertraute Erbe, das unsere Identität begründet und mit historischer Tiefe ausstattet, mit Leben erfüllen, pflegen, erneuern, sein Feuer schöpferisch am Lodern erhalten, wird diese Kultur und Zivilisation den menschlichen Geist auch künftiger Generationen erheben und beflügeln, der Würde, die dem Menschen von Gott gegeben ist, einen Rahmen geben und damit sichtbar machen.

 
Tugend des Monats

"Nächstenliebe muss wirklich Nächsten-Liebe, Liebe zum Nächsten sein; ihr Wesen besteht gerade darin, dass ich das Gute nicht auf die Zukunft verschiebe, sondern ganz in der Nähe das tue, was ich zu tun vermag."

- Papst Benedikt XVI