17.09.2019, News

Mittelalter-Tage an der STM

Die zweite Edition unseres Mittelalter Seminars erstreckte sich diesmal vom Sommersemester 2019 in den Wintersemester 2019/20:

Am 4. Juni 2019 hatten die Schülerinnen und Schüler der fünften Klasse Gelegenheit sich zunächst mit den faszinierenden Themen der Numismatik und der bildlichen Welt der Illustrationen des Codex Manesse zu befassen und nahmen anschließend die Herausforderung an, Geist und Körper ganzheitlich beim Fechten zu ertüchtigen. Nach den Sommerferien besuchten schließlich die Schülerinnen und Schüler der nunmehr sechsten Klasse am 5. September 2019 als krönenden Abschluß die Handschriftensammlung des Stiftes Heiligenkreuz.

Numismatik – eine ungeahnt faszinierende Wissenschaft

Die erste Vortragende, Hannah-Lisa von Lenthe, brachte den Schülerinnen und Schülern die Welt der Numismatik näher. Die in Münster, Wien und Rom ausgebildete und im Kunsthistorischen Museum tätige Fachfrau stellte zunächst die Frage warum man sich überhaupt mit Numismatik, der Münzkunde, beschäftigt und was eigentlich in diese Disziplin hineinfalle. Zu Beginn ihrer eigenen  Beschäftigung mit dieser Materie erkannte sie selbst schnell, daß es sich hierbei nicht, wie fälschlich von manchen angenommen, um eine „Disziplin für alte Männer“ handelt, sondern um eine überaus spannende Materie; Geld in all seinen Erscheinungsformen und dessen Funktion quer über die Jahrhunderte und Kulturräume hinweg vermag den Fragenden vieles zu verraten. Von Lenthe erörterte mit den Jugendlichen die meta-Frage was Geld überhaupt sei sowie welche Funktion(en) es hat und welche Formen und Vorformen von Geld es gibt bzw. gab.

Das uns bekannte Münz-Geld nahm seinen Anfang mit dem berühmten König Krösus, der Edelmetall in genormt-standardisierten Größen und Metallanteilen und mit aufgestempelten Motiven herausgab. Diese Idee der „Münze“ wurde in Folge durch Griechen und Römer übernommen und trat sodann mitsamt ihrer Vorteile ihren Siegeszug in Europa an. Das Geld diente dank des auf der Münze angebrachten Portraits des Herrschers auch als unmittelbare Verbindung zwischen Souverän und Volk und somit als Symbol der politischen Macht: dieses - oft sehr kleine - Bild fungierte, aufgrund der großen Verbreitung der Münzen, als wirksamste Propaganda-Instrument zur Bekanntmachung des Herrschers. – In einer Zeit in der es im Gegensatz zu heute keine mediale Massen-Bild-Kultur gab, bestand keine effizientere Möglichkeit dessen „Bild“ flächendeckender zu verbreiten und somit seinen Herrschaftsanspruch zu verkünden.

Im Rahmen einer Gruppenarbeit durften die Schülerinnen und Schüler sich anschließend an die Praxis der Münzbestimmung wagen. Hierbei mussten sie anhand von Photos von Avers und Revers mittelalterlicher Münzen und gewappnet mit ihren schulischen Kenntnissen aus Geschichte und ikonographischer Analyse versuchen diese zeitlich und örtlich und wenn möglich auch einem bestimmten Herrscher zuzuordnen. – In Gruppenarbeit lösten sie die Aufgabe mit Bravour.

Am Ende erwartete die Schülerinnen und Schüler eine besondere Überraschung, als die Vortragende den Jugendlichen eine Goldmünze aus dem 17. Jh. zeigte, die sie anlässlich ihrer Hochzeit als Geschenk erhalten hatte. Sie wies die Schülerinnen und Schüler an, sie sehr vorsichtig mit zwei Fingern an den Rändern zu halten und in wenig Abstand vom Tisch über einer weichen Unterlage zu halten, auf dass im Falle eines unbeabsichtigten Herunterfallens keine Schäden an ihr entstehen würden. Die Kinder empfingen das edle Stück Metall, hielten es vorsichtig und andächtig und betrachteten es in erhabener Stille und so machte das edle Stück die Runde im Halbrund der Tische der 5. Klasse.

Die Manessische Liederhandschrift

Wie schon im vergangenen Jahr präsentierte Prof. Borioni auch diesmal einen der Glanzpunkte mittelalterlicher Buch- und Illustrationskunst, die Manessische Liederhandschrift. Der Kunst-Professor erläuterte anhand einiger Photographien den strukturellen Aufbau der Text-Seiten und die geometrisch gebundene Konstruktion einiger ausgewählter Graphiken dieser Handschrift. Besonderes Augenmerk lag dieses Mal auf die Überlegungen von Klaus Humpert und Martin Schenk, und deren Vorschläge über die, den Graphiken zugrundeliegende, Geometrie, welche anhand ihrer Publikation Schritt für Schritt vor den Augen der Schülerinnen und Schüler entfaltet wurde. Gezeigt wurden Methoden angewandter Geometrie, die, gemäß Mutmaßungen dieser Forscher, in jener Zeit universell zur Anwendung gekommen sein sollen und sogar – im großen Maßstab – zur Planung von Siedlungen verwendet worden sein sollen.

Die berühmte den Dichter Walther von der Vogelweide darstellende Illustration wurde ausgehend vom standardisierten Bildrahmen der Blätter des Codex konstruiert. Dieser wurde vertikal halbiert, dann mittels Zirkelabschlag, ausgehend von der Mittelachse, die Länge der kurzen Rechteckseite seitlich am Rahmen abgesteckt und so erhielt man die Höhe des Mittelpunkts des Kopfes des Dichters. Dieser Punkt war auch zugleich die Spitze des „Kerndreiecks“ bestehend aus dem Körper des Dichters und aus dem Felsen auf dem er ruht. Der Körper des Dichters ragt seitlich unmerklich aus diesem Dreieck heraus und erst der geübte Blick erkennt, daß er in die Form einer Mandorla eingeschrieben ist. Sie liegt an einer ebenso konstruierten schräg verlaufenden Achse, was der ruhenden Komposition einen unmerklichen Schuss Dynamik verleiht, - die Spannung des Geistes des Dichters andeutend...

Diese und andere Konstruktionen, wie etwa der immer wieder kehrende Thales-Kreis sowie Achsen und Bögen bestimmen verborgen quasi hinter den Kulissen des offensichtlich dargestellten jeweiligen Motivs die Geometrie der Illustrationen und verleihen ihnen ein inneres tragendes Gerüst der Ordnung. Eine Ordnung, die der mittelalterliche Mensch überall um sich erkannte und auf Gott zurückführte und in seiner menschlichen Natur als Abbild Gottes und in seiner menschlichen Berufung als mithelfender Knecht Gottes, als Arbeiter im Weinberg des Herren, mimetisch nachzuahmen und somit zu mehren versuchte. - Ad maiorem Die Gloriam.

Historische Fecht-Kunst im Schulgarten

Der Fechtmeister Simon Rieger des Vereins InDes (https://www.indes.at/) gab auch dieses Jahr der Schola Thomas Morus die Ehre seines Besuchs.  

Am Anfang stand zunächst theoretisches Wissen zu den historischen Fechtbüchern und der mittelalterlichen Fechtkunst sowie deren Bedeutung für die unterschiedlichen Schichten, welche damit ihre Macht und Wehrhaftigkeit zum Ausdruck brachten. Einige der überlieferten Bücher wurden vorgestellt, speziell Joachim Meyers "Gründtliche Beschreibung der Freyen Ritterlichen und Adeligen Kunst des Fechtens", sowie Nachbauten historischer Waffen präsentiert – Dolch, Einhandschwert mit Buckler, Langes Schwert, Trainings-Fechtfeder und ein renaissancezeitliches Seitschwert lagen zur Ansicht bereit. Diese nicht nur nach praktischen sondern auch nach ästhetischen Gesichtspunkten von handwerklichen Meistern erzeugten Kampf-Werkzeuge beeindruckten die Schülerinnen und Schüler durch ihre selbstsprechende Qualität und die Schönheit des Designs.

Anschließend folgte der Bewegungsteil mit Aufwärmen und Beinarbeitstraining bei dem auch die elementaren Grundhiebe und Verteidigungen erlernt und eingeübt wurden. Hierbei stellten sich die Jugendlichen in zwei gegenüberstehende Reihen auf und übten zunächst ohne, dann mit Schaumstoff-Schwertern. Die Herausforderung lag im gleichzeitigen flinken Denken und Vorausdenken und raschem Handeln und Reagieren; nicht die bloße Kraft entscheidet einen Wettkampf, sondern Technik, Klugheit und eine ausgewogene Mischung von Wagnis und Vorsicht, Faktoren, die - metaphorisch betrachtet - nicht nur auch in der Schule (Ausbildung und Training) sondern gerade auch im Leben (Wettkampf) von großer Wichtigkeit sind. Dies zeigt wie die Fechtkunst auch in der modernen Zeit ihren Platz findet, als Beitrag zur mentalen Formung und Schärfung des Geistes.

Anschließend ging es zu einem besonders faszinierenden Teil über, welcher die in der Schola Thomas Morus eingeübte analytische Arbeit besonders auf die Probe stellte: die Interpretation von historischen Texten bzw. von alten Techniken.
Anhand der Kopie einer Seite der historischen Handschrift Codex Danzig und unter Zuhilfenahme einer entsprechenden Transkription, ging es an die Interpretation der darin enthaltenen Fecht-Anweisungen. – Eine aufgrund der alten Sprache und der verwendeten Termini nicht einfache Arbeit, die auch heutigen Experten durchaus Kopfzerbrechen bereitet und keineswegs zu eindeutigen allgemein anerkannten Resultaten führt. Die Text-Deutung durch die in Gruppen aufgeteilten Jugendlichen und das anschließende Experiment der Ausführung der Instruktionen des Textes, sollte den Schülerinnen und Schülern demonstrieren wie wir alle sehr unterschiedlich anhand der Quellen „Geschichte“ konstruieren können und dass „Geschichte“ immer auch von den Interpreten abhängig ist. Der Ausbildner Rieger war begeistert von der Leistung der Jugendlichen, speziell ihren Lösungen, die, wir er meinte, quasi auf Anhieb dieselben Resultate zeitigten, für die Experten viele Jahre benötigt hatten, - eine sehenswerte Leistung unserer analytisch geschulten Schülerinnen und Schüler!

Mit der eleganten Verabschiedung der Fechter mit einer Verbeugung des Schwertes endete der erste der beiden Mittelalter-Tage.

Der nicht einfache Text in frühneuhochdeutscher Sprache aus Codex Danzig (Cod. 44. A.8, Blatt 16 recto) den sich die Schüler auch mit nach Hause nehmen durften lautete wie folgt:

|Merck wenn er dir oben zu° haut von seiner rechten achsal |So haw auch von deiner rechten mit ym geleich oben starck ein zu° dem kopff |ver setzt er |vnd beleibt starck am swert |So var Indes auff mit den armen |vnd stos mit der lincken hant dein swertz knopff vnder deinen rechten arm~ |vnd slach ÿn mit der langen schneid pis aus gekreutzten arm~ hinder seiner swertz klingen auff den kopf ~

Zu Besuch in der Handschriftensammlung des Stiftes Heiligenkreuz

Frisch und munter zu Beginn des neuen Schuljahres brach die nun sechste Klasse pünktlich um 9:15 gemeinsam mit Prof. Borioni und Prof. Wiesmüller von Trumau nach Heiligenkreuz auf. Am Ziel angekommen betrat die Gruppe die Stiftskirche, - Prof. Borioni besprach mit den Schülerinnen und Schülern die respektive romanische, respektive gotische Struktur von Langbau und daran anschließendem Chor der Kirche und strich den einerseits bodenständig wehrhaften andererseits den lichten und leichten himmelstrebenden Charakter dieser zwei Teile der Kirche heraus. Der bald eingetroffene P. Roman Nägele führte die Jugendlichen in den als Halle mit gleich hohen Schiffen ausgeführten gotischen Chor. Hier konnten sie von der Nähe die aufstrebenden, an hohe Bäume erinnernden, Bündelpfeiler und die großen dominierenden Fenster mit ihren Lanzetten und Maßwerken und deren mit pflanzlichen Ranken übersäten Glasmalereien bewundern, die den Raum mit fast übernatürlichen Licht fluten. - Im Denken des Menschen des Mittelalters ist alles in Einheit mit dem christlichen Glauben gestellt, ganzheitlich verbinden sich göttliche und menschliche Schöpfung in einer Harmonie die das künftige auf die Erde herabgestiegene Himmlische Jerusalem wiederspiegeln möchte. Geometrie, Ordnung, Proportion sind daher die Sprache derer sich die Architektur der Gotik bedient. Dieses Gesamtkunstwerk, das die performativen Energien jener Zeit hervorbrachten, umfasste freilich nicht nur Architektur und Skulptur sondern alle Kunst, jeden Ausdruck, auch Musik, bildliche Künste, Handwerk und Kalligraphie.
Damit leitete P. Roman das Augenmerk auch schon auf die Handschriften des Archivs von Heiligenkreuz, das primäre Ziel der Exkursion. Dort angekommen präsentierte er den Jugendlichen als erste Archivalie Codex 76.

Das erste Augenmerk galt zunächst nicht wie vielleicht erwartet dem prächtigen handbeschriebenem Inneren sondern den – dem Laien verborgenen aber ebenso spannenden – Details des Äußeren:
Die metallenen Buckel am hölzernen und mit Rindsleder bespannten Einband dienen als Auflager und schützen das Leder wenn das Buch flach auf den Tisch gelegt wird. Die einzelnen kostbaren Pergamentblätter des Buches sind zu einem Buchblock vereint und durch Heftbänder am Holz-Einband festgebunden. Am Buchrücken bilden diese Bänder breite Wülste (Bünde) die hier, wie dicke Arterien, unter dem umhüllenden Leder des Einbands verlaufen. Das Format des Holz-Einbands ist so gewählt, daß er bündig mit den Blättern des Codex abschließt um zu verhindern, daß beim stehend gelagerten Buch das nach unten ziehende Gewicht des Buchblocks Risse am oberen Ende des Buchrückens erzeugt. – Unter anderem an diesem Aspekt, der Bündigkeit, erkennt der Fachmann, so P. Roman, ob auch der Einband aus der mittelalterlichen Entstehungszeit der Blätter eines Codex stammt, denn später in der Barockzeit neu gestaltete Einbände wurden in der Regel größer dimensioniert. Eingeklebte Etikette am Innenteil des Einbands informieren über die Katalogisierung des jeweiligen Buches.
Feuchtigkeit oder gar Wasserschäden sind eine ernste Gefahr, die heute durch sachgerechte Lagerung und dem Einsatz von entsprechenden Geräten zur Be- und Entfeuchtung der Luft gebannt wird. Holzwürmer, deren Fraß-Spuren im Holz noch erkennbar sind, wurden beseitigt; der Denkmalschutz hat hier vor dem Tierschutz Priorität. Auch im Mittelalter versuchte man die kostbaren Codices zu schützen, mit Imprägnierungen des Einbandleders, wie P. Roman ausführte, etwa mittels Stierbluts. Eine solche Imprägnierung präsentierte er anhand eines kleinen Buckel-besetzten Codex.

Das Pergament der Buchblätter musste aus besonders feinporiger Haut bestehen um beste Voraussetzungen für dessen Beschreibung zu besitzen. Nicht Rind sondern Schaf- oder Ziegenhaut aus dem Rücken des Tieres wurde daher zur Anfertigung der Blätter verarbeitet. Die beste Qualität bot Lammleder. Jedes Blatt entspricht dem Leben eines Tieres. – Dies lässt die Kostbarkeit eines Codex bestehend aus hunderten Blättern erahnen; ganze Herden an Tieren stecken sozusagen zwischen den Buchdeckeln. Heute liegt der Versicherungswert eines einzelnen Codex bereits um eine halbe Million Euro; mehrere tausend Euro pro beschriebenem Blatt!

Jahre dauerte die Anfertigung eines Codex, Buchstabe für Buchstabe kopierten die Schreiber, speziell ausgebildete und begabte und folglich auch besonders privilegierte Mönche, die Texte und tradierten sie so der Nachwelt. Höchste Konzentration, Achtsamkeit und Gewissenhaftigkeit war notwendig um Fehler zu vermeiden. Kein automatisches Rechtschreibprogramm nahm den Mönchen ihre Verantwortung ab, wie dies heute am Computer der Fall ist. In einmal Geschriebenem konnten nachträglich auch keine Ergänzungen vorgenommen werden, Korrekturen nur mühsam mittels Abkratzen der Tinte erfolgen. Die Kostbarkeit des Materials gebot Sparsamkeit. Auch Materialfehler wie Löcher oder Risse, sie wurden wie bei einem Kleidungsstück zugenäht, mußten daher berücksichtigt und beim Schreibvorgang einbezogen werden – sie wurden umgangen. Kein Blatt durfte verschwendet werden. – Heute in Zeiten günstigen Papiers und flotter Drucker scheint solch sparsame Achtsamkeit übertrieben oder gar geizig, doch damals war sie zwingend.

Die Pigmente der Tinte wurden aus Mineralien gewonnen, blau etwa aus dem teuren aus Afghanistan importierten Lapislazuli, und so wie bei den gotischen Glasfenstern ist auch hier das Mischverhältnis der damals verwendeten Farb-Komponenten heute oft noch immer ein Rätsel. Wie bei den Glasmalereien sind auch viele der Initialen durch phantastische Pflanzenränke geschmückt, was das damalige Streben der Menschen nach ganzheitlicher Gestaltung in allen Künsten und in allen Ebenen menschlichen Lebensraums erahnen lässt. Die Zeilen jedes Blattes wurden mittels gespannter Ruß-getränkter Fäden auf die Oberfläche des Pergaments aufgetragen, Illustrationen nach Abschluss des Schreibvorgangs in die freigebliebenen bzw. freigelassenen Flächen eingepasst.

Als besonders prachtvolle Höhepunkte präsentierte P. Roman den Jugendlichen die älteste Musik-Handschrift des Klosters mit ihren gregorianischen Notationen und ihren herrlichen illustrierten Initialen sowie schließlich auch die berühmte Schedelsche Weltchronik. Letztere verdeutlichte die Abkehr von der mittelalterlichen Buchkultur, weg vom handwerklichen Unikat hin zum handwerklichen Massenprodukt, gedruckt, nicht geschrieben, aus geschöpftem Papier gefertigt nicht aus gegerbtem Leder gefügt. - Ein Paradigmenwechsel zu Beginn der Neuzeit. Einiges Erinnert noch an den alten Geist: in die identisch gedruckten Seiten wurden besondere Initialen oder die Wappen der Käufer dieser weiterhin teuren Exemplare immer noch händisch eingefügt, die zahlreichen gedruckten Illustrationen wurden auch per Hand koloriert, all dies um einen Hauch der alten Qualität und Sorgfalt zu imitieren.

Bestechend ist etwa der Stich mit der Darstellung des in verschwenderischen Faltenwürfen gehüllten Gottvaters, den P. Roman den Jugendlichen erläuterte. Die Fülle des Gewandes war ein Hinweis auf die Fülle und freigiebige Großzügigkeit des Schöpfers, eine Symbolik die wir auch in der in früheren Zeiten üblichen überlangen Cappa Magna der Bischöfe wiedererkennen. Des Weiteren präsentierte P. Roman auch die prächtigen Darstellungen der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau.

Zum Abschluss und quasi als Mahnung präsentierte P. Roman einen von Restauratoren verpfuschten Codex: der barocke Einband wurde über einen neuen Einband geklebt und dabei unfachmännisch knapp beschnitten, mit Farbe unsachgemäß bestrichen und mit Chemikalien eingelassen, deren Dämpfe zu den Pergamentblättern dringen und diese schädigen. Am Buchrücken täuschen zahlreiche aus Karton gefertigte Höcker, weitere nicht vorhandene Reihen an Bünden vor – ein moderner „Fake“ – und eine moderne mit industriell gefertigten Schrauben montierte Schnalle rundet das Bild der „Schändung“ ab.

Nach dem Eintrag der Klasse ins Gästebuch zeigte P. Roman den Jugendlichen noch rasch ein Kettenbuch: das mit einer Kette bestückte Katasterbuch der Besitzungen des Stifts Heiligenkreuz in dem auch das Grundstück von Schloss Trumau und unsere Schule verzeichnet sind. Die Kette sollte in früheren Zeiten den Diebstahl dieses wichtigen Bandes verhindern, denn nur dieses Buch gab damals über Eigentumsverhältnisse sichere Auskunft; es definierte das Eigentum an Grund und Boden.

Als außerordentliche Prämiere konnten die Schülerinnen und Schüler auch noch einen Blick auf die Daktylotheken des Archivs werfen, als Buch getarnte Schachteln mit Abgüssen berühmter antiker Gemmen wie etwa der Gemma Augustea, welche die Jugendlichen bereits als Original aus den Besuchen im Wiener kunsthistorischen Museum kannten. Anhand solcher Reproduktionen lernten Schüler vergangener Generationen anschaulich und durchaus auch haptisch Protagonisten aus Geschichte und antiker Mythologie und Literatur kennen. – Die Stücke waren auf dem Sprung zur Restaurierung als Vorbereitung für eine baldige Ausstellung im Stift.

Zum Abschluss führte P. Roman die jungen Besucher durch den Kreuzgang des Stiftes mit seinem berühmten Brunnenhaus und entließ sie anschließend, womit auch diese wundervolle Exkursion ihr Ende fand.

Weiterführende Informationen über die Handschriftensammlung von Heiligenkreuz und digitalisierte Codices sind im Internet unter diesen Adressen zu finden:
www.scriptoria.at/
http://manuscripta.at/
www.stift-heiligenkreuz-sammlungen.at