29.11.2019, News

Der Meister der Mimesis

Albertina Wien - Dürer Austellung und Besuch der Prunkräume

Im Wintersemester 2019/20 besuchte die Schola Thomas Morus im Rahmen ihres traditionellen allsemestrigen Museumsbesuches erstmals die Wiener Albertina. Am Programm stand die sensationelle Albrecht-Dürer-Ausstellung, womit - ebenfalls eine Premiere - das Oeuvre eines einzelnen Künstlers und dessen Werdegang im Mittelpunkt des Besuchs standen.

Der Treffpunkt der Schülerinnen und Schüler und der Lehrkräfte war beim markanten Reiterstandbild Erzherzogs Albrecht. Pünktlich um 10:00 öffnete das Museum. An den langen Besucherschlangen vorbei lotsten Prof. Lenzenweger und Prof. Borioni die STM-Kinder und -Lehrer ins Innere zu den Garderoben. Anschließend ging es mit den jeweiligen Klassen-Guides in die Ausstellung: Der akademische Maler Clemens Fuchs führte die 6. und 7. Klasse, Prof. Borioni die 4. und 5., Dr. Geusau die 3. Klasse, Prof. Plassnig die 2. und Prof. Wiesmüller die 1. Klasse. Die Lehrkräfte hatten sich diesmal eine jeweils eigene Bildauswahl zusammengestellt um den Kindern und Jugendlichen altersadäquat eine Vorstellung des Werks Dürers vermitteln zu können. Aufgrund des Andrangs der Besucher und der, im Vergleich zum Kunsthistorischen Museum, relativ engen räumlichen Verhältnisse lag eine Herausforderung auch im Timing der Führung der Gruppen durch die einzelnen Räume, auch diese wurde im Vorfeld abgestimmt wodurch ein reibungsloser Ausstellungsbesuch gelingen konnte.

Dürer (1471-1528), Sohn des gleichnamigen Goldschmieds Albrecht, war durch die Auseinandersetzung mit dem Beruf seines Vaters und der Ausbildung in dessen Werkstatt von klein auf an Präzision gewohnt und in ihr geschult; sowohl hinsichtlich der Feinmotorik als auch der genauen Beobachtungsgabe. Das für eine Künstlerlaufbahn notwendige akkurate Studium der Wirklichkeit, deren Analyse und anschließende Mimesis im eigenen künstlerischen Schaffenswerk standen ein Leben lang im Mittelpunkt der Beschäftigung Dürers, ein beharrliches Streben, das ihn dank seines von Erfolg gekrönten Strebens nach Exzellenz schon in frühen Jahren zu Weltruhm führte. In seinen Italienreisen lernte er von den großen Meistern der Renaissance, wie Mantegna und Raffael, war mit ihnen in Kontakt und tauschte sich mit ihnen aus. Durch diesen Eifer brachte Dürer den Geist der Renaissance nördlich der Alpen und führte ihn dort zum Durchbruch, verschmolz ihn mit den autochthonen Traditionen Mitteleuropas und dem Erbe des Mittelalters. – In Folge dessen gelangte auch sein Monogramm „AD“ zu Berühmtheit und bürgte für Qualität, ähnlich einem Marken-Zeichen oder Firmen-Namen heute. – Der Kunsthandwerker des Mittelalters war zur Künstler-Persönlichkeit der Neuzeit avanciert, auf Augenhöhe mit den höchsten Fürsten Europas.

Als frühestes Werk der Ausstellung beeindruckte Dürers Selbstportrait als Dreizehnjähriger unsere jungen Besucher und veranschaulichte ihnen, was – Dank der entsprechenden Schulung – bereits aus Hand und Geist eines Kindes zu schöpfen ist, wenn es nur richtig geführt wird. Dieser Mission haben sich die Lehrkräfte der STM in ihren jeweiligen Fachgebieten verschrieben um aus ihren Zöglingen – durch die Förderung aller Kräfte des menschlichen Wesens und nach bester sokratischer Tradition – Größe herauszuholen.
Die Darstellung des heiligen Hieronymus, sowohl als Druck als auch als Ölgemälde regte die Schülerinnen und Schüler zum Vergleich an. Schnell waren die ikonographischen Eigenheiten, die Attribute die das Erkennen der Gestalt als jene des hl. Hieronymus ermöglichen erkannt: der friedfertige Löwe, das Büßergewand, die wilde Einöde, die Betrachtung des Kreuzes und der Vergänglichkeit des Irdischen. Details wie der Stein in der Hand des knienden Büßers oder das im Stamm eines gefällten Baumes gesteckte Kreuz mit Corpus stachen besonders ins Auge. – Der Stamm des Baumes der keine Früchte trägt muss gefällt werden und durch das fruchtbringende Holz des Kreuzes Christi erneuert werden.

Auf der Hinterseite der gemalten kleinen Hieronymus-Tafel – auch der Umstand der geringen Größe des Bildes bei gleichzeitiger Fülle an Details faszinierte die Besucher – strahlt ein Himmelskörper, vermutlich ein Meteor, den Dürer selbst erblickt hat, ein Hinweis auf die Apokalypse, mit der sich der Heilige eingehend befasst hatte und auch Dürer beschäftigte.

Die Studien nach Mantegna und Raffael vermittelten den Besuchern Dürers selbständiges Streben nach Wachstum als junger Erwachsener, dem das grundlegende Handwerkzeug bereits vermittelt war. Er Verharrte nicht im bereits Erreichten, sondern strebte nach Vervollkommnung seiner Kunst durch Integration der Errungenschaften der italienischen Kunst seiner Zeit in seine Arbeit. Hierbei ging er über die bloße Kopie hinaus und prägte der Arbeit im Akt der Mimesis seinen eigenen Geist ein.
Dürers Bildzyklus der Johannes-Apokalypse von 1498 zeigt in beeindruckender Weise die vom Künstler erreichte Größe hinsichtlich handwerklicher und kompositorischer Güte. Die voranpreschenden vier apokalyptischen Reiter überwältigten die damaligen Betrachter – so wie auch die heutigen – durch ihre Wucht und Dynamik und die akribische Fülle feiner Details.

Ebenfalls überwältigte unsere jungen Besucher die Genauigkeit mimetischer Präzision der weltberühmten Darstellungen des Feldhasen, des Blauracken-Flügels und des großen Rasenstücks, drei überragende Höhepunkte der Ausstellung hinsichtlich Analyse der Wirklichkeit und schöpferischer Mimesis. Dürer wollte mit diesen Werken die bereits erreichte Exzellenz noch weiter übertreffen und der Welt seine Meisterschaft ostentativ vor Augen führen, sich einen Namen machen, seine Kunden beeindrucken und seine Dominanz als führenden Künstler seiner Zeit weiter konsolidieren. – Er war eben auch ein Meister der Selbstdarstellung. Dürer begnügte sich in der Darstellung des Rasens nicht darauf Vorgefundenes zu replizieren, er komponierte die Natur neu, arrangierte die, nur auf den ersten Blick zufällig platziert scheinenden, Gräser, ordnete sie dem Goldenen Schnitt unter um die der Natur innewohnende versteckte Gott-gegebene Ordnung zu veranschaulichen, die sich erst dem geduldigen und genauen Betrachter offenbart.

Dürers Studien wie etwa die bezaubernden Blumenbilder, Iris, Günsel, Akelei, Schöllkraut, Veilchen, die heute als eigenständige Werke betrachtet werden, fungierten als Vorarbeiten für Ölgemälde. Etwa für die Madonna mit Iris. Hier erkannten die Schülerinnen und Schüler rasch die zunächst in den Studiendarstellungen betrachteten Pflanzen, zuallererst die Namensgebende Iris und zuletzt auch den Rasen. Das Gemälde, das zunächst auf den ersten Blick „einfach nur“ eine Madonna mit Jesuskind darzustellen scheint, offenbart dem aufmerksamen und geduldigen Betrachter eine reiche und in die Tiefe gehende Symbolik. Die Rebe ist ein Hinweis auf Jesu Blut im Hl. Messopfer und auf unsere Arbeit im Weinberg des Herrn, die Rose ohne Dornen ein Symbol für die ohne Makel der Erbsünde empfangene Gottesmutter. Ihr rotes Gewand mag durch seine Farbe an den Heiligen Geist erinnern, der sie – die voller Gnaden seiende – bei der Menschwerdung Jesu überschattete. Der Schmetterling weist auf Jesu Tod und Auferstehung aus dem Kokon des Grabes. In himmlischer Ferne erscheint über dem Haupt der Gottesmutter am wolkenlosen Himmel der in einer Wolke eingetauchte Gott Vater. Er ist Gegenwärtig, gemeinsam mit dem Sohn und dem Heiligen Geist, und segnet die Szene. Der Garten in dem Maria sitzt, ja thront, ist durch eine Mauer umgrenzt; wir befinden uns im Hortus Conclusus, dem verschlossenen Garten. Auch dies weist auf die Gottesmutter hin, sie selbst ist ein verschlossener Garten; in ihrer Jungfräulichkeit und ihrem makellosen Freisein von Erbschuld, ist sie der neue Garten Eden, ist der erste Tabernakel Christi als Vorausschau auf das endzeitliche Himmlische Jerusalem, dem Thron Christi und Wohnstatt der Erlösten in Ewigkeit.

Das Ölgemälde des jungen zwölfjährigen Jesus unter den Schriftgelehrten veranschaulicht den Zustand des Gefallen-Seins des Menschen: die Schriftgelehrten greifen – wortwörtlich – handgreiflich in die Rede des Gottmenschen ein, ihre Hände bilden mit jenen des Lehrenden Jesus einen Wirbel, der das Zentrum des Bildes markiert. Gleichsam „wirbeln“ die Gelehrten um Jesus, der das stille Auge des Sturms zu bilden scheint. Sie versuchen ihn auf ihre Seite zu ziehen, sein Wort zu verdrehen, ihn sich dienstbar zu machen um ihn ihrem Willen und Streben zu unterwerfen. Hybris des gefallenen Geschöpfes gegen den Schöpfer. Dürer verdeutlicht den Widerspruch durch die fast karikaturhafte Darstellung der Hässlichkeit der betriebsam-getriebenen gelehrten Disputanten im Gegensatz zur Schönheit und gelassenen Ruhe Jesu: Wahrheit ist Schönheit. – Die aus der Auflehnung gegen Gott geborene Sünde hingegen offenbart eine hässliche Fratze.

Zurück zum Schauplatz des Sündenfalls führt uns Dürers Stich mit der Darstellung Adams und Evas. Der Fall steht kurz bevor, noch ist alles in seiner Ordnung, doch schon hat die Hand Evas die von der Schlange gereichte Frucht der Erkenntnis von Gut und Böse mit ihren Fingern berührt und ist kurz davor sie zu pflücken. Im Wald des Paradieses mit den realistisch dargestellten Bäumen und der akkuraten Tiefenschichtung des Lichtspiels scheint sich das nahende Übel vorzuzeichnen, bedrohlich beginnt nun die Wildnis zu wirken, dunkel, noch kauern Jäger und Beutetier friedlich, doch die Katze scheint bereits auf die vor ihr befindliche Maus zu lauern. Ein Hinweis auf die aus dem Fall unserer Stammeltern resultierenden Frucht: den Tod. Dem natürlichen Tod und dem Mord, die Erschlagung Kains. Faszinierend ist der Vergleich des endgültigen Drucks mit den ausgestellten Probedrucken des noch unfertigen Werks, die veranschaulichen, wie Dürers Arbeitsprozess voranschritt. Fertiges reiht sich neben Angelegtem und Angedeutetem. Leere Bereiche verweisen auf eine noch nicht getroffene Entscheidung hinsichtlich eines Details der Komposition.
Die Abkehr und Medizin gegen das Übel in der Welt offenbart sich der Menschheit in der Epiphanie Jesu. Die heiligen Drei Könige im gleichnamigen Ölgemälde beten das Jesus-Kind an und anerkennen ihn, stellvertretend für die irdischen Macht- und Verantwortungs-Träger, als ihren König und Schöpfer an. Wir sind nicht die Herren, sondern lediglich Verwalter, Stellvertreter des wahren einen Herren. Als solche sind wir zur Demut gerufen. Unser Platz ist auf den Knien zu Füßen des Jesus-Kindes. Anbetend. Nur in der Demut liegt wahre Größe. Die Hybris hingegen zerschellt und zerbricht wie Babels Turmbau.

Das große Ölgemälde des „Rosenkranzfestes“, ein für die Kapelle der Rosenkranzbruderschaft der deutschen Handeltreibenden in Venedig geschaffenes Altarbild, durch das Dürer die Hochachtung der Künstler und Mäzene Italiens gewann, transponiert die Anbetung durch die Könige in die Zeit Dürers. Die portraitierten Mächtigen seiner Zeit tun es ihnen gleich, der versprochene Lohn ist die Seligkeit des Erlöst-Seins in Christus, symbolisch durch die Bekränzung der Anbetenden ausgedrückt. Wo Kaiser Maximilian, Dürers Mäzen, und Papst Julius II. (dessen Gesicht verfremdet ist um die ihm nicht wohlgesonnenen Venezianer nicht zu verärgern) von Maria bekränzt werden, wird die in himmlischem Blau gekleidete Gottesmutter von Putti gekrönt. Sie ist die Himmelskönigin. Die auf Knien gesunkene Gemeinschaft gliedert sich in Laien und Kleriker zur Linken und zur Rechten der Madonna. Stehend ist der hl. Dominikus abgebildet, dem die Christenheit das Rosenkranzgebet verdankt, auch er ist beim Akt des Bekränzens abgebildet. Am Rande der Szenerie befindet sich ein Zaungast: Dürer. Bewusst des Grades seiner künstlerischen Leistung fügte er sich, durchaus wenig demütig, in diese illustre Gesellschaft ein um der Welt zu verkünden, wer der Schöpfer dieses Kunstwerks sei, dessen Farbenpracht das Lob der Zeitgenossen entlockte.

Eine weitere Madonnendarstellung, Maria mit Birnenschnitt, verzichtet auf Prunk und zeigt uns Gottesmutter und Gott-Sohn allein in ihrer Beziehung als irdische Mutter mit Kind, ohne Glorienschein. Die leuchtenden Figuren heben sich deutlich vom dunklen Hintergrund ab. Der Knabe hat vom Abschnitt einer Birne abgebissen, an dem die Spur seiner Zähnchen deutlich sichtbar ist, er liegt auf einem hellvioletten Stoff, dessen Farbe ein Hinweis auf seine zukünftige Passion ist.

Den Höhepunkt von Dürers Schaffen als Druck-Grafiker stellen seine drei „Meisterstiche“ dar: Melancholia, Ritter Tod und Teufel, Hieronymus im Gehäus. Ebenso berühmt sind seine betenden Hände und die Darstellung eines 1515 von Indien nach Lissabon gebrachten Rhinozeros, welche unsere Kinder ebenfalls bestaunen durften. Wieder spielt Dürer in den Meisterstichen virtuos Handwerk, Komposition und Symbolik auf. Das Thema der Vergänglichkeit bestimmt die Darstellung des schreibenden Hieronymus dessen Blick in einer Linie den am Schreibtisch postierten Kruzifix und einen blanken Totenschädel am Fensterbrett verbindet, von dessen Fenster Licht (und im übertragenen Sinne wohl auch geistliche Erleuchtung) in die Stube, das Gehäus, hereinflutet und ein plastisches Spiel von Licht und Schatten generiert. Meisterlich zart prägt sich die Form der Butzenscheiben auf die Leibung des Fensters, wie eine leichte Fingerübung des großen Künstlers.

Im Stich der Melancholia entfaltet sich die Botschaft des Bildes esoterisch-verborgen in mannigfacher Symbolik um das Thema des Temperaments des Melancholikers: die Werkzeuge des Künstlers liegen um die allegorische, betriebsam sinnierende doch körperlich untätige, geflügelte Gestalt. Sie ist mit Schlüssel und Geld-Sack versehen als Zeichen von Macht und Reichtum und mit einem frischen Kranz am Haupt geschmückt als Hinweis ihres nahenden Ruhmes. Der trübselig zusammengekauerte Hund und der schreibende Putto weisen auf das Innenleben der Gestalt. Sie blickt nach links auf das nächtliche Naturereignis am Himmel über dem Meer, verheißendes Omen und Inspiration; die Distanz dorthin füllen ein Mühlstein (Lebensweg und Anstrengung) sowie ein Polyeder und ein Schmelztiegel (innere Transformation und Wachstum) und um die Ecke weist eine Leiter den Aufstieg in die Höhen der Perfektion.
Einen schmalen Grat beschreitet auch der Ritter, das Tal der Tränen. Es begleiten ihn einerseits ein Hund als Sinnbild für Treue und Glaube andererseits der Tod und der Teufel, die auf ihn lauern…

Dürers Meisterschaft als Portraitmaler veranschaulichten schließlich im letzten Raum der Ausstellung die Beispiele der Apostel-Portraits mit ihren fein gedrechselten silbrig glänzenden Bärten und die Darstellung des Manns mit Barett dessen willensstarker Charakter die Züge seines Antlitzes prägt.